Erschaffen statt konsumieren

2017-08-20

Die Welt gehört denen, die Dinge erschaffen und nicht denen, die sie konsumieren [1].

Ich las in einem interessanten Beitrag, dass Johann W. Goethe mindestens 150 Bücher und viele weitere Texte verfasst hat. Diese Zahl ist erstaunlich. Der zeitliche Aufwand dafür ist für die meisten unvorstellbar. Für mich fühlt sich das Schreiben dieses Beitrags schon wie etwas Bedeutsames an. Ich musste mich überwinden und mich hinzusetzen und es tun. Und ich sitze in der Bahn wo es praktisch nichts anderes zu tun gibt. Mit etwas Rechnen wird klar, dass meine Wahrnehmung stark verzerrt ist:

  • wir haben alle die gleichen 24 Stunden am Tag, seit Anbeginn der Zeit
  • 24 Stunden am Tag, davon 8 Stunden für Schlaf, ergibt 16 Stunden an Möglichkeiten

Was mache ich mit diesen 16 Stunden? Wie wurde unsere allgemeine Leistung so deutlich reduziert? Wie ist es möglich mit 16 vollen Stunden zu wenig Zeit für verhältnismäßig kleine Aufgaben zu haben? Der englische Autor Charles Hamilton hat in seinem Leben ungefähr einhundert Millionen Wörter geschrieben, zu einer Zeit, als seine statische Lebenserwartung deutlich kleiner war als meine heute.

Die Art, wie wir unsere Zeit verbringen und wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten, hat sich völlig verändert.

Unsere Aufmerksamkeit wird heimlich (bzw. gar nicht so heimlich) von neue Ablenkungen aufgesaugt, die wir als normal und unvermeidlich akzeptieren, bis hin zum Punkt, an dem nur 3 Stunden tatsächliche Arbeit an einem 16-stündigen Tag sich „produktiv“ und „anstrengend“ anfühlen.

Wenn wir diese Zahlen betrachten ist es wirklich verrückt. Der erschreckenste Teil ist das Potenzial und die Leichtigkeit mit Hilfe all der Technologie wirklich produktiv zu sein – eigentlich. Es wird klar, dass dieser Wahnsinn eine Wahl unsererseits ist. Die Menge der uns zur Verfügung stehenden Informationen ist ein zweischneidiges Schwert.

Es gab eine bedeutsame und sehr schnelle Verschiebung vom Erschaffen hin zum Konsumieren. Sehr wenige von uns erschaffen tatsächlich etwas (auch bei der Arbeit). Wir verwenden den größeren Teil unseres Tages darauf zu konsumieren, was andere erschaffen haben. Und den kleineren Teil, um für jemand anderen gegen Bezahlung etwas zu erschaffen, um dann weitermachen zu können mit dem Konsumieren dessen, was andere geschaffen haben.

Maslow-Pyramide

Warum ist das ein Problem? Wie wir aus der klassischen Psychologie wissen, ist das Selbstwertgefühl, die Wertschätzung oder „Etwas bewirken“ das Fundament der Selbstverwirklichung. Bei der Maslow-Pyramide ist unterhalb dieser Ebene (das wären z.B. Essen und Trinken, Kleidung und Dach über dem Kopf, Sicherheit und soziale Bedürfnisse) für alles gesorgt, jedenfalls für die Bevölkerung, von der ich rede. „Etwas bewirken“ ist „einen individuellen Beitrag auf einzigartige Art und Weise zu leisten“. Wenn man sich ansieht, wie wenig Einzigartiges wir erschaffen und wie viel mehr wir konsumieren, dann ist klar, warum viele Menschen nicht zufrieden mit ihrer Arbeit sind, warum Depressionen und „Burn-Out“ so weit verbreitet sind. Es ist so, als ob wir auf der Stufe der sozialen Bedürfnisse dieser Pyramide stehen geblieben sind, unfähig, die Selbstverwirklichung zu erreichen, ausgetrickst durch die eigenen Fortschritte in der Kommunikation.

Irgendwie lustig, aber auch schrecklich wahr.

Wir haben einen der Schlüssel zu unserer Erfüllung weggeworfen und sehen stattdessen einfach anderen über eine digitale Plattform dabei zu. Über eine Plattform, die geeignet ist, unsere Aufmerksamkeit zu jeder Zeit vollständig zu verbrauchen.

So deprimierend das auch ist, es enthält großartige Möglichkeiten für diejenigen, die diesen Schlüssel zum Glück zurückbekommen wollen. Während sich der Rest der Bevölkerung mit Internet-Zugang in permanent abhängige Verbraucher verwandelt, die nichts erschaffen, kann man sich selber so positionieren, dass man sich außerhalb des Kreislaufs „Arbeit, Konsum, Depression“ befindet – falls man es schafft, so produktiv zu werden wie die „Wissensarbeiter“ [2] der Vergangenheit. So lässt sich ein Leben aufbauen, das einen psychologisch und finanziell unterstützt.

Als „talentfrei“ kritisierte Rapper, die trotzdem Millionen verdienen, sind eines meiner Lieblingsbeispiele für diejenigen, die es „kapiert haben“: wen kümmert es, ob sie kein Talent haben (jedenfalls nach den Maßstäben einiger)? Zumindest erschaffen sie etwas! Lil Wayne hat in seiner relativ kurzen Karriere fast zweitausend Songs veröffentlicht. Möglicherweise mag man die Songs nicht, aber sie sind greifbare Früchte einer selbst gewählten Arbeit. Er hat damit Elvis auf den „Billboard Hot 100“-Charts der erfolgreichsten Künstler aller Zeiten eingeholt und befindet sich in einer finanziellen Lage, die nur wenige selber erfahren werden.

Es erfordert Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und Verständnis dafür, wie man die Kontrolle über seine eigene Zeit zurück gewinnt.

Zurückblickend ist es erschreckend, wie viel Zeit ich schon verschwendet habe, aber es gibt nichts Schmerzhafteres, als auf ein ganzes Leben andauernd verschwendeter Kreativität, Zeit und möglich gewesener Erfüllung zu blicken.

Du musst dich entscheiden, sonst wirst du in der Welt derer leben, die sich entschieden haben zu erschaffen.

[1] Frei nach dem Englischen Original von Sophia Ellis: „The world belongs to those who create vs. those who consume“
[2] Peter F. Drucker: „Landmarks of Tomorrow: A Report on the New Post Modern World“, 1959

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